Welches Denken brauchen wir, um die Menschheitsprobleme zu lösen? Unser
Weltbild ist immer noch mechanistisch geprägt – und damit zu eng. Der Physiker
Hans-Peter Dürr sieht den Schlüssel zur Zukunft in einem neuen
Wirklichkeitsbegriff auf Basis der Quantentheorie. Wie meint er das? Holger Fuß
hat nachgefragt.
Die Quantenphysik gibt uns immer noch Rätsel auf.
Dabei entspricht sie exakt der Logik der Natur. Da verhalten sich Teilchen wie
Wellen und Wellen wie Teilchen. Diese Unschärfe verweist auf den Ursprung alles
Lebendigen – auf einen zugrunde liegenden universellen Code, der nichts anderes
ist als Information. Diese Theorie, die von einigen Quantenphysikern vertreten
wird, legt nicht weniger als ein neues Weltbild nahe. Sich da-rauf einzulassen
ist gewiss nicht einfach – aber wenn wir es tun, werden wir ganz neue
Möglichkeiten entdecken, mit unserem Planeten umzugehen.
P.M.: Herr
Professor Dürr, was ist eigentlich Materie?
Dürr: Im Grunde gibt es
Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein
Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. Wir tun uns schwer, uns dies
vorzustellen. Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle
Grundlage. Wir könnten es auch Geist nennen. Etwas, was wir nur spontan erleben
und nicht greifen können. Materie und Energie treten erst sekundär in
Erscheinung – gewissermaßen als geronnener, erstarrter Geist. Nach Albert
Einstein ist Materie nur eine verdünnte Form der Energie. Ihr Untergrund jedoch
ist nicht eine noch verfeinerte Energie, sondern etwas ganz Andersartiges, eben
Lebendigkeit. Wir können sie etwa mit der Software in einem Computer
vergleichen.
Den Untergrund bildet also eine körperlose Form? Ein sehr
fremdartiger Gedanke.
Ja, das ist unsere enge Denke. Wir müssen
immer zuerst an Substanzen denken, ehe wir Beziehungsstrukturen verstehen.
Nehmen Sie die Liebe. Wir stellen uns Liebe vor als Beziehung beispielsweise
zweier Menschen zueinander. Aber die Liebe selber, dieses Dazwischen, bereitet
unserer Vorstellung enorme Schwierigkeiten. Es sei denn, wir geben uns einfach
hin und lieben.
Und genau dieses Dazwischen ist Gegenstand der
Quantenphysik?
In gewisser Weise ja. Doch schon der Begriff
Gegenstand führt in die Irre. Das ist ein Problem der Sprache. Wir verwenden
lauter Substantive, wo wir Verben nehmen sollten. Das prägt unser Denken. Wenn
wir über die Quantenphysik sprechen, sollten wir eine Verb-Sprache verwenden. In
der subatomaren Quantenwelt gibt es keine Gegenstände, keine Materie, keine
Substantive, also Dinge, die wir anfassen und begreifen können. Es gibt nur
Bewegungen, Prozesse, Verbindungen, Informationen. Auch diese genannten
Substantive müssten wir übersetzen in: Es bewegt sich, es läuft ab, es hängt
miteinander zusammen, es weiß voneinander. So bekommen wir eine Ahnung von
diesem Urgrund der Lebendigkeit. Besser gesagt: Wir ahnen und
erleben.
Warum tun wir uns so schwer damit?
Weil unser
Gehirn nicht darauf trainiert ist, die Quantenphysik zu verstehen. Mein Gehirn
soll mir im Wesentlichen helfen, den Apfel vom Baum zu pflücken, den ich für
meine Ernährung brauche. Unsere Umgangssprache ist eine Apfelpflücksprache. Sie
hat sich herausgebildet, weil sie enorm lebensdienlich ist. Bevor ich eine
Handlung ausführe, spiele ich diese erst einmal in Gedanken durch, um zu
erfahren, ob sie zum gewünschten Ziel führt – ja oder nein? Das ist die
zweiwertige Logik. Aber diese zweiwertige Ja-oder-Nein-Logik ist eben nicht die
Logik der Natur. Die Quantenphysik beschreibt die Natur viel besser, denn in der
Quantenwelt herrscht die mehrwertige Logik, also nicht nur Ja und Nein, sondern
auch Sowohl/Als-auch, ein Dazwischen. Eben das Nicht-Greifbare, das
Unentschiedene. Daran müssen wir uns gewöhnen.
So ganz habe ich mich
an diese Vorstellung noch nicht gewöhnt.
Aber genau damit sind Sie
auf dem richtigen Dampfer. Solange Sie es sich vorstellen können, liegen Sie
falsch. Nehmen wir ein Elektron. Also ein physisches Teilchen, von dem ich weiß,
dass es das eigentlich gar nicht gibt. Im Grunde ist da etwas viel Größeres.
Betrachten wir ein instabiles System wie etwa ein nasses Schneefeld: Dort kann
mein kleiner Fuß eine riesige Lawine auslösen. Ein Pendel, exakt auf den Kopf
gestellt, ist auch so ein instabiles System. Dort entscheidet eine winzigkleine
Störung von außen, ob es nach links oder rechts fällt.
Sie meinen
also, ein Elektron existiert gar nicht?
Jedenfalls nicht in Form
eines herkömmlichen Teilchens.
Sondern?
In meiner Sprache
nenne ich es ein »Wirks« oder »Passierchen«. Es ist eine winzige Artikulation
der Wirklichkeit, etwas, das wirkt, das passiert, das etwas
auslöst.
Sie beschreiben die Quantenphysik in einer paradoxen Weise,
wie wir sie sonst aus mystischen Texten kennen.
Es ist paradox, wenn
ich mich der Quantenphysik in der Umgangssprache nähere. Wenn Ihnen das
schwammig vorkommt, haben Sie völlig recht. Die Wirklichkeit erscheint uns
schwammig, weil ihre Ausssagen unendlich vieldeutig sind. In der Physik sagen
wir: Die Wirklichkeit ist nicht die Realität. Unter Realität verstehen wir eine
Welt der Dinge, der Objekte und deren Anordnung. Also jene Welt, die die alte
Physik mit ihrem mechanistischen Weltbild beschreibt. Die alte Naturwissenschaft
ist dabei nicht falsch. Sie gilt jedoch nur in einem vergröberten Sinn. Was für
unseren Alltag total ausreicht. Die Wirklichkeit in der neuen Physik ist
Potenzialität, eine Welt der Kann-Möglichkeiten, sich auf verschiedene Art
materiell-energetisch zu verkörpern. Deshalb möchte ich die Begriffe Teilchen
oder Atom nicht mehr benutzen und sage stattdessen Wirks oder Passierchen. Ein
Passierchen ist ein winzig kleiner Prozess.
Allmählich habe ich trotz
aller Schwammigkeit doch eine Ahnung von dem, was Sie meinen. Es ist ein
bisschen wie beim Lesen von Lyrik: Es ist viel Ungenauigkeit, viel Spielraum in
einem Gedicht – und doch bringt es etwas in mir zum Klingen. Ich spüre, was
gemeint sein könnte.
Ahnung ist ein gutes Wort dafür. Die
Schwammigkeit bezieht sich ja auf die Greifbarkeit. Emotional haben wir damit
weniger Schwierigkeiten. Unsere Gefühle sind ja in diesem Sinne alle ein
bisschen schwammig, ohne dabei unverständlich zu sein. Sie sind Bewegung, ihre
Grenzen fließen. Wenn wir eine Ahnung von etwas in uns verspüren, dann deuten
wir dies oft als etwas, was in uns zum Klingen gebracht wird. Dies empfinden wir
als eine Resonanz mit etwas viel Umfassenderem. Die Felder in der Quantenphysik
sind nicht nur immateriell, sondern wirken in ganz andere, größere Räume hinein,
die nichts mit unserem vertrauten dreidimensionalen Raum zu tun haben. Es ist
ein reines Informationsfeld – wie eine Art Quantencode. Es hat nichts zu tun mit
Masse und Energie. Dieses Informationsfeld ist nicht nur innerhalb von mir,
sondern erstreckt sich über das gesamte Universum. Der Kosmos ist ein Ganzes,
weil dieser Quantencode keine Begrenzung hat. Es gibt nur das
Eine.
Damit kommen Sie der alten indischen Philosophie nahe, die vom
All-Einen spricht und von der Identität des Ich und der Außenwelt. »Tat tvam
asi« lautet die klassische Formel: Dieses bist du.
Ja, es geht über
diese Aussage hinaus und lässt sich besser in der Sanskritsprache als Advaita
ausdrücken, was so viel wie Nicht-Zweiheit bedeutet. Genauer bedeutet die
Vorsilbe A aber nicht die Verneinung, sondern dass es unangemessen ist,
überhaupt von Teilen und Zerlegbarkeit zu sprechen.
Etwas Unteilbares.
Wir haben überhaupt nur das Eine. Aber dieses Eine ist
differenziert. Wenn ich ein Gemälde betrachte und von dessen Schönheit spreche,
das ist das Eine. Wenn ich aber auf die einzelnen Dinge in diesem Gemälde zeige,
beispielsweise auf das Auge der Madonna, dann deute ich auf eine
Unterschiedlichkeit innerhalb des Einen, auf ein Element der Vielheit, das zur
Einheit gehört. Das Auge der Madonna ist nämlich nicht ein Teil des Bildes,
sondern nur eine Artikulation. Ich schneide das Auge nicht heraus, sondern
richte nur meine Aufmerksamkeit auf eine Stelle des Bildes.
Das heißt,
ein Meer ist eben mehr als ein Netzwerk von Wassertropfen?
Richtig.
Ein Wassertropfen existiert ja im Grunde nur außerhalb des Meeres. Wenn er
hineinfällt, verliert der Begriff Tropfen seinen Sinn.
Wenn Sie sagen,
die alte mechanistische Naturwissenschaft funktioniert in unserem Alltag mit
großer Genauigkeit – welche Bedeutung soll dann eigentlich die Quantenphysik mit
all diesen beschriebenen Erkenntnissen für unsere konkrete Lebenswelt haben?
Sie hat eine Bedeutung, wenn wir in unsere Alltagserfahrungen auch
einbeziehen, was wir lebendig nennen. Die alte mechanistische Physik beschreibt
nämlich zunächst die Realität der Dinge mit den bekannten Naturgesetzen, wobei
kein Unterschied zwischen belebt und unbelebt gemacht wird. Wenn Sie einen Apfel
fallen lassen, folgt er dem Gesetz der Schwerkraft und fällt zu Boden. Die Welt
der Dinge ist die Welt der stabilen Systeme und damit voll determiniert, also
vorherbestimmt. Mechanistisch bedeutet voll determiniert. Aber für lebendige
Systeme reicht diese mechanistische Beschreibung nicht aus. Lebendige Wesen wie
etwa der Mensch sind im Grunde instabile Systeme. Ihre scheinbare Stabilität
erhalten sie durch ein dynamisches Ausbalancieren, das ständige Energiezufuhr
benötigt.
Sie sind nicht nur Quantenphysiker, sondern wurden für Ihr
Engagement in der Friedensbewegung bereits 1987 mit dem Alternativen Nobelpreis
geehrt. Inwiefern hat der Quantenphysiker Dürr den politischen Menschen Dürr
inspiriert?
Die Quantenphysik sagt uns ja nicht nur, dass die
Wirklichkeit ein großer geistiger Zusammenhang ist, sondern auch, dass die Welt
und die Zukunft offen ist. Sie ist voller Möglichkeiten. Darin steckt ungeheuer
viel Ermutigung und Optimismus. Wir leben in einer noch viel größeren Welt, als
wir gemeinhin annehmen. Und wir können diese Welt gestalten! Unsere westliche
Konsumkultur, unser lebensverachtendes wirtschaftliches Wettrennen stellen doch
nur eine winzige Nische innerhalb unserer Möglichkeiten dar. Trotzdem glauben
viele Menschen, dass die wirtschaftlichen Sachzwänge Naturgesetze seien. Nein,
es sind menschengemachte Zwänge.
Wie konnte es zu diesem Irrglauben
kommen?
Er ist Bestandteil unserer Erziehung. Wir werden belohnt,
wenn wir uns entmutigen lassen, wenn wir uns wirtschaftlichen und technischen
Zwängen unterordnen, wenn wir größere Zusammenhänge außer Acht lassen. Aber eine
solche Lebensweise ist lebensfeindlich. Langfristig überlebensfähig ist in der
Natur derjenige, der ein Gewinn-Gewinn-Spiel spielen kann. Wenn mein Vorteil
zugleich der Vorteil des anderen ist, sodass im Konzert mit anderen etwas
geschaffen wird, bei dem das Ganze mehr ist als die Summe einzelner Teile. Ein
Plussummenspiel. Junge Menschen können so etwas heutzutage kaum noch erleben.
Sie sind einsame Einzelkämpfer und müssen gegen ihre Mitmenschen ankämpfen,
anstatt mit ihnen gemeinsam eine Zukunft aufzubauen.
Sie selber haben
einen Zukunftsentwurf vorgelegt: »Die 1,5-Kilowatt-Gesellschaft«. Darin
propagieren Sie eine »intelligente Energienutzung als Schlüssel zu einer
ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsweise«.
Ich habe mal
ausgerechnet, dass der gegenwärtige Primärenergieverbrauch der gesamten
Menschheit bei 13 Terawatt liegt. Dies entspricht etwa der körperlichen
Arbeitsleistung von 130 Milliarden kräftigen Energiesklaven, die jeden Tag zwölf
Stunden lang ohne Pause in unseren Auftrag mit voller Pulle auf dieser Erde
malochen. Eine Sklavenstärke nehme ich hierbei als eine Viertelpferdestärke,
etwa 200 Watt, an. Ein Mittelklassewagen mit 60 PS hat somit bereits 230
Energiesklaven unter der Haube. Ein Mercedes der S-Klasse mit 190 PS sogar die
dreifache Anzahl. Die Frage lautet: Wie viele Energiesklaven verträgt unsere
Biosphäre, die ja ein kompliziertes, ausbalanciertes Ökosystem ist, in dem das
eine mit dem anderen gekoppelt ist? Und da stellt sich heraus, dass die maximale
Grenzbelastung durch menschliche und technisch aufbereitete Energieumsätze für
die gesamte Erde etwa bei insgesamt zehn Terawatt liegt. Das entspricht 100
Milliarden Energiesklaven.
Wir leben also längst über die Verhältnisse
der Biosphäre?
Allerdings. Wir verbrauchen mindestens drei Terawatt
zu viel Energie. Das sind 30 Milliarden Energiesklaven zu viel. Um die
Grenzbelastung nicht zu überschreiten, dürfte jeder Erdenmensch heute maximal 15
Energiesklaven beschäftigen, sprich höchstens 1,5 Kilowattstunden pro Stunde
verbrauchen. Statistisch gesehen hält sich heute jeder Erdenbürger 22
Energiesklaven und kann damit seine persönliche Arbeitsfähigkeit um das 22-fache
steigern – mit den entsprechend höheren Umweltauswirkungen. Aber in der Realität
ist der Energieverbrauch natürlich unterschiedlich verteilt. Ein US-Amerikaner
beschäftigt im Schnitt 110 Energiesklaven, ein Deutscher 55, ein Chinese 10 und
ein Bangladescher nicht einmal einen einzigen.
Deshalb fordern Sie
eine »strikte Geburtenkontrolle von Energiesklaven«.
Ja. Das
bedeutet vor allem eine Geburtenkontrolle der liebsten Kinder der
Industrieländer, nämlich der Autos. Künftig müssen unsere Erzeugnisse langlebig
und reparaturfreundlich sein. Durch eine effizientere Energienutzung werden wir
etwa die Hälfte der Energiesklaven einsparen können – bei gleichen
Dienstleistungen für den Menschen. Die andere Halbierung können wir erreichen,
indem wir unseren Lebensstil ändern, aber auch durch den Einsatz von sanfteren
Energiesklaven, etwa durch Verwendung von dezentralen
Solarenergieanlagen.
Was bedeutet ein anderer Lebensstil?
Energiereduzierte Lebensstile bedeuten kein Leben in Sack und Asche. Mit
etwas Fantasie werden wir sogar ein viel besseres, weil sinnerfülltes, lust- und
freudvolles Leben führen können. Eine Beschränkung auf 15 Energiesklaven
entspricht in etwa dem durchschnittlichen Lebensstandard eines Schweizers anno
1969.
Würde eine solare Weltwirtschaft Energie verschwenden dürfen,
ohne dass die Biosphäre kollabiert?
Nein. Unser Energieproblem hat
nicht nur mit der Beschränktheit von Ressourcen zu tun, sondern hängt mit der
durch Energieumsatz hervorgerufenen Belastung der Biosphäre zusammen.
Entscheidend ist gar nicht die insgesamt eingestrahlte Sonnenenergie, sondern
jener Energieanteil, der die Biosphäre in Balance hält. Die Biosphäre ist eine
hierarchisch geordnete Pyramide, aber eben keine Granitpyramide, sondern eher
ein Kartenhaus, auf dessen Spitze wir Menschen stehen. Dieses Kartenhaus wird
aufrecht erhalten, indem etwa ein Zehntausendstel der eingestrahlten
Sonnenenergie, das sind umgerechnet rund 450 Milliarden Energiesklaven, dieses
instabile Gesamtsystem ausbalanciert. Es ist die statische Instabilität, die
Wackeligkeit des Systems, die unsere Erfahrungswelt lebendig
macht.
Auf der Spitze dieses von der Natur sorgsam austarierten
Kartenhauses stehen wir Menschen und drohen, das Gebilde mit unserer technischen
Zivilisation zum Einsturz zu bringen.
Wir haben begonnen, bei diesem
prekären Balanceakt mit der Biosphäre riskant zu konkurrieren. Das ist das
Entscheidende. Unsere rücksichtslos arbeitenden 130 Milliarden Energiesklaven
bringen das Biosystem in ein Ungleichgewicht. Die menschengeschaffenen
Energiesklaven haben keinerlei Gefühl dafür, dass sie in einem System arbeiten,
das nicht beliebig robust ist. Die rütteln sozusagen an der natürlichen
Gesamtarchitektur und wirken wie eine Infektion in einem Organismus, der über
dreieinhalb Milliarden Jahre hinweg sorgsam aufgebaut wurde. Die Frage lautet:
Wie sehr darf man ein lebendiges System stören, ehe die Infektion
lebensgefährlich wird?
Wenn wir uns den Energiehaushalt eines
ausbalancierten Organismus vorstellen, dann hätten wir das Bild eines Ozeans
wogender Schwingungen vor uns, die sich mehr oder weniger im Gleichklang
bewegen. Das wären die Solarsklaven. Jetzt kommen die menschengemachten
Energiesklaven, die Störsklaven, hinzu, die gegen diesen Gleichklang schwingen.
Die schwingen überhaupt nicht mit.
Weil sie zu ignorant
und unsensibel sind, um in der großen Sinfonie der Natur mitzuschwingen?
Das ist es! Je höher die Instabilität, die Unsicherheit, desto
größer die Sensibilität.
Also hätten wir Menschen die Aufgabe, unsere
Energiesklaven daraufhin zu trainieren, sich im Tanz der Biosphäre harmonisch zu
bewegen?
Ja, das wäre der Heilungsprozess mit der Herausforderung:
Wie können wir die Störungen so integrieren, dass das Kartenhaus nicht
einstürzt? Dazu müssen wir verstehen, warum die Entwicklung des Lebendigen so
langsam vonstatten geht. Das System benötigt dieses langsame Tempo, damit es die
Veränderungen auffangen und verarbeiten kann. Wir sind aber viel zu schnell für
das Gesamtsystem. Deshalb sind wir an eine Grenze gelangt, an der wir nicht mehr
allzu viel stören dürfen. Wir müssen die Geschwindigkeit drosseln.
Was
bedeutet es konkret, bedächtiger zu sein?
Schauen wir uns mal an,
was unsere Energiesklaven anstellen. Wenn diese Sklaven sich so verhielten wie
wir Menschen, hätten wir gar keine Probleme. Dann wären sie sanfte
Energiesklaven, die einen Eimer Wasser den Berg hochtragen. Das macht gar nichts
aus. Stattdessen aber haben wir ganz rabiate Energiesklaven, die mit
hochintensiver Energie arbeiten. Wir stellen unsere Produkte mit einer
Prozessenergie her, die den Maßstab, in dem die eingestrahlte Sonnenenergie
umgesetzt wird, weit übertrifft. Wir holen die Kohle aus dem Erdinneren, wo sie
über Millionen von Jahrhunderten angesammelt wurde, und verbrennen sie innerhalb
von weniger als zwei Jahrhunderten. Damit gewinnen wir eine Energiedichte, mit
der wir Metalle schmelzen, Autobleche schmieden und Mineralien aus dem Berg
lösen. Alles hochenergetische Vorgänge in einer viel größeren Geschwindigkeit,
als es die Natur selber vollzieht. Vergleichen Sie das nur einmal mit dem Tempo
des Pflanzenwuchses. Dann sehen Sie den Unterschied.
Intelligentes
Produzieren bedeutet also, im Tempo der Natur zu arbeiten?
Es geht
erstens um die Vermeidung von sehr verschiedenartiger Umformung von Materie,
weil das sehr viel Energie benötigt. Und zweitens muss die Umformung langsamer
geschehen. Wir dürfen nicht drängeln.
Passt zu diesem
Evolutionsschritt noch die Nutzung von Kernenergie, wie sie derzeit in der
Klimaschutzdebatte neu auf den Tisch gekommen ist?
Nein. Die jetzige
Kernenergie müssen wir abschaffen. Sie ist viel zu gefährlich – aus vielerlei
Gründen. So ist nicht nur die Frage der Endlagerung von Atommüll nicht gelöst,
sondern dieser Atommüll kann auch als Waffe benutzt werden. Es existiert also
keine scharfe Trennung zwischen ziviler und militärischer Nutzung der
Kernenergie. Denn Atommüll ist zum Teil spaltbares Plutonium, das außerdem hoch
radioaktiv ist, mit einer Halbwertszeit von 24000 Jahren. Ein Reaktor von einem
Gigawatt Leistung, wie wir ihn weltweit betreiben, produziert jährlich etwa 250
Kilogramm Plutonium. Für eine Nagasaki-Bombe benötigen wir nur acht Kilogramm.
Unter Umständen will man das Zeug ja deshalb nicht endlagern, weil man das
Plutonium noch irgendwie verwenden könnte. Beispielsweise zum Bau einer
Atombombe, einer schmutzigen Bombe allerdings, die große Gebiete für
Jahrtausende unbewohnbar machen würde.
Wäre denn eine tatsächlich
ausschließlich zivile Nutzung der Kernenergie vertretbar?
Auch
nicht. Wenn der schlimmste Störfall in einem Reaktor passiert, hat man ein
Ergebnis, das einfach nicht akzeptabel ist. Dieses Risiko trifft nicht nur uns,
sondern vor allem die nachfolgenden Generationen. Ein Risiko einzugehen, das ich
selber nicht ausbaden muss, ist unmoralisch. Ich kann Russisches Roulette an
meinem eigenen Kopf spielen. Wenn ich so blöd bin, dann ist das okay. Aber die
Pistole an den Kopf meines Kindes zu halten ist verantwortungslos. Wir
Nutznießer leben nur ein paar Jahrzehnte. Aber unseren Nachkommen überlassen wir
die Lasten über Tausende von Jahren. Nein, die Kernenergie muss
weg!
Warum bleibt die Kernenergie für manche Menschen immer noch
attraktiv?
Weil wir übersehen, dass unsere Gesellschaft
energiesüchtig ist. Sie erscheint mir in der Situation eines Alkoholikers, der
glaubt, er könne sein Suchtproblem lösen, wenn er in eine Schnapsfabrik
einheiratet. Deshalb benötigen wir zunächst eine Entziehungskur. Erst dann
können wir überhaupt beurteilen, wie viel Energie wir wirklich brauchen. Mit
einer effizienteren Energienutzung können wir unseren Verbrauch ohne Weiteres
senken. Vieles von dem, was wir heute verbrauchen, ist einfach weggeworfene
Energie. Mit ein bisschen Intelligenz können wir das einsparen. Und wir müssen
es auch: Es können nicht alle Menschen auf dieser Erde einen Lebensstil führen
wie die US-Amerikaner. Das geht einfach nicht.
Sie stehen in Ihrem 78.
Lebensjahr. Glauben Sie an ein Jenseits? Gibt es eine Existenz nach dem Tode?
Das ist eine sehr interessante Frage. Was wir Diesseits nennen, ist
ja eigentlich die Schlacke, die Materie, also das, was greifbar ist. Das
Jenseits ist alles Übrige, die umfassende Wirklichkeit, das viel Größere. Das,
worin das Diesseits eingebettet ist. Insofern ist auch unser gegenwärtiges Leben
bereits vom Jenseits umfangen. Wenn ich mir also vorstelle, dass ich während
meines diesseitigen Lebens nicht nur meine eigene kleine Festplatte beschrieben
habe, sondern immer auch etwas in diesen geistigen Quantenfeldern abgespeichert
habe, gewissermaßen im großen Internet der Wirklichkeit, dann geht dies ja mit
meinem körperlichen Tod nicht verloren. In jedem Gespräch, das ich mit Menschen
führe, werde ich zugleich Teil eines größeren geistigen Ganzen. In dem Maße, wie
ich immer auch ein Du war, bin ich, wie alles andere auch,
unsterblich.
Autor(in): Das Interview führte Holger Fuß
Quelle: PM-Magazin